Mittwoch , 8 Dezember 2021
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Gibraltar: Kosmopolitisches Dorf mit einem Felsen voller Affen


Buntes Reiseziel am Südzipfel Spaniens – Wo ich denn hinwill, fragt mich der spanische Busfahrer als ich in Algeciras den Bus nach La Linea besteige. „Nach Gibraltar“, sage ich. Es gebe nichts zu sehen da, außer einem Felsen mit Affen und einer Shopping-Meile. Er sieht abschätzig auf mein kleines rollendes Gepäckstück, das mich verrät. „Dieser Mann bleibt länger.“

In La Linea de la Conception muss ich aussteigen und den Weg über die Grenze zu Fuß nehmen. Die Spanier winken durch, die britische Zöllnerin hält mich auf und fragt, ob ich Alkohol mithabe. „Aber der ist ja hier sowieso billiger“, antworte ich und sie lächelt mich an. Ehe ich den Weg in die Stadt nehme, muss ich die Rollbahn des Flughafens queren. Doch die Ampel steht auf rot. Ein Airbus kreuzt meinen Weg – von rechts nach links. Er rollt gemütlich zum Ende der Bahn, um dann fünf Minuten später mit lautem Getöse von links nach rechts vorbei zu donnern und direkt vor mir abzuheben. Kaum ist er weg, öffnen die Polizisten die Schranken und die Menschen und Automassen setzen sich in Bewegung.

Drei Millionen Besucher kommen jährlich, erzählt Gail Francis Tiron vom Tourism Board. Den Großteil machen Tagesbesucher aus – auch Kreuzfahrtschiffe machen oft einen Stopp hier. Im Prinzip machen sie alle das gleiche Programm: Eine Bus- oder Seilbahnfahrt auf den Berg, wo man die Affen sehen und ein herrliches Panorama über die ganze Bucht genießen kann, dann ein kurzer Blick in die St. Michael’s Tropfsteinhöhle und ein weiterer kurzer Blick ins weitverzweigte – vom Menschen gegrabene – Tunnel-System des Felsens. Anschließend kann man in der Main Street Zigaretten und Alkohol kaufen, ein Bier im Pub trinken und das war’s dann. „Doch der Rock hat viel mehr zu bieten als nur diese paar Sehenswürdigkeiten“, erklärt Gail.

The Rock

The Rock

Bunte Bilder eines Welt-Dorfs
Dass ich als Tourist drei Tage in Gibraltar übernachte, ist eine Seltenheit, bestätigt auch Mary Kinch, geborene Irin, die seit 15 Jahren als Managerin des O’Callaghan Eliott Hotel arbeitet. Die meisten Gäste unter der Woche sind Business-People, die kommen um Geschäfte zu machen. Das genau stößt den spanischen Politikern immer wieder scharf auf. Sie bezichtigen die Unternehmen Gibraltars in großem Stil Geldwäsche zu betreiben. Just am zweiten Tag meines Aufenthalts eskaliert die Situation am Grenzübergang zu Spanien. Die spanischen Behörden filzen die Autos, die vom Rock nach Spanien einreisen. Bis zu vier Stunden müssen die Autofahrer in brütender Hitze in ihren Blechkübeln verharren. Die Wogen gehen hoch. Als ich im öffentlichen Bus zum Europa Point mit einem Vertreter für Gesundheitsnahrung ins Gespräch komme, lässt dieser Schimpftiraden gegen Spanien los. „Mich sehen die ohnehin nicht. Die können ruhig die Grenzen dicht machen. Wir überleben das“, sagt er – der übrigens aus einem Vorort Londons kommt. Rund 7.000 Spanier kommen täglich zu Fuß über die Grenze, weil sie in Gibraltar arbeiten. Am Abend gehen sie wieder zurück in ihre Städtchen und Ortschaften. Rosig sei die wirtschaftliche Situtation in Andalusien nicht, bestätigen mir mehrere Gesprächspartner. Lenken die spanischen Politiker mit der Gibraltar-Diskussion von der eigenen wirtschaftlichen Schwäche ab? Das zumindest behaupten die Gibraltarier. „Die Spanier alterieren sich über den Union Jack, der hier an der Südspitze Spaniens den 6,5 Quadratkilometer großen britischen Außenposten markiert, vergessen dabei aber ihre beiden Städte Ceuta und Melilla in Marokko, deren Existenzberechtigung auch in Frage gestellt werden könnte. „Es geht uns wirklich gut hier“, bestätigen alle Befragten. Gibraltars Wirtschaft blüht und so erlaubt die Regierung ihren Beamten während der Sommermonate ab 14:00 blau zu machen – das gilt auch für die Postbediensteten.

Abends wenn das Städtchen aufblüht
Francisco Javier Oliva war fast 20 Jahre lang Journalist beim Gibraltar Chronicle und hat mehrere Bücher verfasst. Er ist einer der rund 30.000 Gibraltarier – einer mit andalusischen Wurzeln und einwandfreiem Englisch und er kennt den „Rock“ wie seine Westentasche. „Die Stadt blüht richtig auf, wenn die Scharen von Touristen längst abgereist sind und die Geschäfte ihre Rollläden nach unter gezogen haben“, erzählt er. Tatsächlich liegt dann ein edler Glanz über dem bunten Gemisch verschiedener Architekturstile – von den alten britischen Herrenhäusern, den Prunkbauten der Sirs, bis hin zu den umgebauten Unterkünften der Armee – von den Barracken der einfachen Soldaten bis hin zu den edlen Häusern für Offiziere. „Hier leben Juden mit Muslimen, Engländer mit Spaniern in Eintracht zusammen“, schildert Oliva. Und tatsächlich sieht man am Abend all diese Menschen auf der Main Street flanieren oder in den Pubs sitzen und genüßlich ein Bier trinken. Eines der typischen Gibraltar-Lokale ist Annette Heywoods Cafe Rojo. Die Speisekarte liest sich wie ein bunter Mix aus spanischen Gerichten und jenen, die man auch in englischen Pubs findet – wie etwa Lammschulter, Honey Roast Duck oder Filet-Steak. Zubereitet ist das ganze aber mit viel mehr Pepp als im kühlen Britannien. Für gute Stimmung im Lokal, das sich nach 20 Uhr erst richtig füllt, sorgt auch das Lachen der Chefin.

Tägliches Leben als Sehenswürdigkeit
Oliva ist es gewesen, der mich auf die Gässchen abseits der Main Street aufmerksam gemacht hat. Ich sollte mir das am Vormittag ansehen. Dort begegne ich Abdul Begdouri, der einen kleinen Fleischerladen betriebt. Seine Wurzeln liegen in Marokko, sagt er voller Stolz und erklärt mir seine Ware. „Das sind Kebabs in marokkanischem Stil,“ und deutet auf die schön präsentierten Fleischstückchen in der Vitrine. „Schade, dass ich keine Kochmöglichkeit habe“, erwähne ich. „Kein Problem, wir braten das für Dich.“ Natürlich koste ich vom Gibraltar-Kebab, denn auch die Handwerker der Umgebung schauen auf eine Stippvisite vorbei und holen sich ihren Mittagssnack. Ums Eck gibt es übrigens auch einen Inder – denn viele der Händler hier sind indischer Abstammung. Dazwischen begegne ich einem fahrenden Fischhändler, der mir die im Laderaum seines Kleinlasters aufgelegten Fische erklärt. Immer wieder komme ich mit Menschen ins Gespräch, während sich die Main-Street mit immer mehr Touristen füllt, die fast alle Richtung Seilbahn strömen. Sie kommen um die einzigen Affen Europas am „Top of the Rock“ zu sehen. Der Legende nach bleibt Gibraltar nur so lange britisch so lange es auch Affen hier gibt. Die mehr als 250 Affen sind daher auch unter strengem Schutz.

Grandiose Blicke und neugierige Affen
Die Fahrt mit der Gibraltar Cable Car lohnt sich wirklich, denn der Ausblick auf die kleine Stadt und weit über Algeciras bis hin nach Marokko ist atemberaubend. Vorsicht ist nur vor den neugierigen Berberaffen geboten, die ohne Scheu Reißverschlüsse von Rucksäcken öffnen oder sich mit so manch entrissener Tasche über die Felsen flüchten. Sie haben offenbar begriffen, dass die Gattung Mensch immer irgendwo etwas Eßbares mit sich führt. In der Regel verläuft die Begegnung Mensch Affe allerdings friedlich. Der Blick von oben macht deutlich, welche strategische Bedeutung der Felsen für die Seefahrer immer gehabt haben muss. Davon zeugt auch die imposante Stadtmauer rund um das Zentrum des Ortes. Alle Gebäude die außerhalb dieser Stadtmauer stehen, sind auf Terrain errichtet, dass man dem Meer in den vergangegenen Jahren abgetrotzt hat. Der zerfurchte Kalksteinfelsen, der über mehr als 140 Tropfsteinhöhlen verfügt, fällt schroff gegen Osten hin ab. Auf dieser Seite befindet sich die Catalan-Bay – ein kleines Fischerdorf, das ursprünglich von genuesischen Fischern bewohnt war.

Der von Menschenhand ausgehöhlte Felsen
Zu den imposantesten Sehenswürdigkeiten gehören aber ohne Zweifel die insgesamt mehr als 50 Kilometer langen Verteidigungstunnels, die während des 2. Weltkrieges in den Felsen geschlagen wurden. Ganze Lastwagenstraßen wurden unterirdisch errichtet, um Geschütze so zu positionieren, dass man den Feind abwehren konnte. Damals war ein Großteil der Bevölkerung außer Landes gebracht worden. Die strategische Bedeutung des Felsens war seit jeher sehr groß.
Wesentlich ruhiger geht es zu, wenn man, statt der Seilbahnfahrt bergab, den Fußweg nimmt. Die Berberaffen, denen man hier begegnet, sind wesentlich scheuer als ihre Artgenossen am Berggipfel. Interessant ist auch die Vegetation, die hier gedeiht. Zugvögel haben Pflanzensamen mitgebracht, aber nur jene Arten, die gegen die lange Sommertrockenheit resistent sind, haben überlebt. Ehe man das Städtchen erreicht, kommt man noch an dem imposanten Turm des Moorish Castle vorbei, der seit mehr als 600 Jahren hier steht. Dann hat man das kleine Städtchen wieder erreicht und je näher man ins Zentrum kommt, desto mehr Menschen begegnet man.

Ein Abschied, der schwerfällt
Am dritten Tag, der mit einem leicht bevölkten Himmel beginnt, muss ich abreisen. Doch irgendetwas hält mich zurück. Langsam schlendere ich über die Governor’s Parade vorbei am alten aufgelassenen Redaktionsgebäude des Gibraltar-Chronicle und den Gerichtsgebäuden bis ich zum Standesamt komme, wo John Lennon und Yoko Ono einst den Bund fürs Leben schlossen. Warum sie wohl ausgerechnet hier heiraten wollten, frage ich mich. Hat es vielleicht damit zu tun, dass der Fels einer der Säulen des Herakles ist, auf dem nach dem altertümlichen Weltbild das Himmelszelt ruht? Irgendeine seltsame Magie umgibt das kleine Halbinselchen. Eine, die es von der Umgebung Südspaniens so deutlich unterscheidet. Und das sind nicht die kleinen roten Telefonzellen oder die typisch englischen Postkästen, sondern ein Gefühl spezieller Solidarität unter den Menschen, die hier leben und trotz kultureller Unterschiede gut miteinander auskommen. Ein Mann in blauem Trainingsanzug kommt mir entgegen und grüßt mich. Ich weiß, dass ich ihn irgendwann in den vergangegen drei Tagen getroffen habe, weiß aber nicht mehr wo. Doch er gibt mir das Gefühl, dass ich im kosmopolitischen Dorf angekommen bin. Und vor allem, dass ich hier willkommen bin.

INFORMATIONEN:

Anreise: Zahlreiche Anbieter haben im Zuge einer Andalusien-Reise oder auch Mittelmeer-Kreuzfahrt einen Tag Aufenthalt in Gibraltar. Nächster Flughafen Malaga, anschließend Weiterreise mit dem Bus nach La Linea de la Conception http://www.avanzabus.com . Von London, Manchester und Birmingham gibt es Direktflüge nach Gibraltar

Übernachtung: Da es nur rund 1.500 Hotelbetten gibt, ist es ratsam vorab zu buchen. Bestes Angebot bietet die Buchungsplattform www.hotels.com

Tipp: O’Callaghan Eliott Hotel, Governor’s Parade (nahe der Main Street) liegt im Zentrum der Stadt und verfügt über einen Pool am Dach. www.eliotthotel.com

Geld: Gibraltar-Pfund mit eigenen Münzen und Banknoten sind neben britischen Pfund-Sterling im Umlauf. Achtung! Die lokalen Münzen und Banknoten sind Sammlerstücke, aber nur in Gibraltar gültig! Behebung am Bankomat empfehlenswert, da der Euro-Umrechnungskurs in den Geschäften deutlich schlechter ist.

Restaurant-Tipps:
Cafe Rojo, 54 Irish Town (Tel: +350 200 51738)

Jury’s Cafe & Wine Bar, 275 Main St. (Tel: +350 200 67898) http://jurysgibraltar.com

Weitere Auskünfte: Gibraltar Tourist Board, Casemetes Square, Tel. (+350 2004 5000); www.visitgibraltar.gi






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