Montag , 6 April 2020
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September 11: Erinnerungen an Gander/Neufundland


Jedem von uns ist das Bild der brennenden Twin-Towers des World Trade Center in New York in Erinnerung geblieben. Das waren Eindrücke, die sich in die Hirne der Menschen brannten. Egal, wie man den USA und diesen Ereignissen gegenübersteht, sie waren ein Zeichen des Bösen und des Abgrunds. Trotz aller Grausamkeiten gibt es auch an diesem ‚Tag des Terrors‘ ein Beispiel für Menschlichkeit, Herzenswärme und Liebe. Und diesem ist dieser Eintrag heute gewidmet.

Der Ort der Handlung ist jedoch nicht New York, sondern Gander auf Neufundland/Kanada. Ein kleines Städtchen, das davor fast 40 Jahre in einen Dornröschenschlaf verfiel, erwachte plötzlich zu neuem Leben. Seit langem dümpelt der Ort mit dem einst größte Airport der Erde still und leise vor sich hin. Schlagartig ändert sich das am späten Vormittag des 11. September 2001 – als die US-Luftfahrtbehörde den gesamten Luftraum über den USA sperrte.

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Postkarte Gander Airport am 11. September 2001 – 39 Großraumjets parken hier

Sämtliche Flugzeuge mit einem amerikanischen Zielflughafen werden rück- oder umgeleitet. Ein Großteil der Jets dreht über dem Nordatlantik wieder Richtung Europa um. Doch eine nicht unbeträchtliche Zahl an Passagierflugzeugen wird nach Kanada abgeleitet. Um weiteren eventuellen Terrorangriffen vorzubeugen, werden die Flughäfen der kanadischen Atlantikprovinzen als Zwischenlandeplatz anvisiert. Halifax und Gander nehmen den Großteil der Flüge auf – die 10.000 Einwohner-Stadt Gander verdoppelt über Nacht die Einwohnerzahl. Insgesamt parken auf dem Rollfeld des Airport am Nachmittag 39 Großraumjets.

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So sieht der Gander Airport zehn Jahre später aus

Liebenswürdige Menschen in einer Kleinstadt

Doch Gander – direkt am Trans-Canada-Highway gelegen – verfügt nur über rund 500 Hotelbetten. Wohin also mit all den Menschen?

Bürgermeister Elliott ruft den Notstand aus und mobilisiert innerhalb kürzester Zeit die Einwohner seiner Kleinstadt. „Helft alle mit!“, lautet die kurze Order. Zeit zum Planen bleibt kaum. Nach und nach werden die Flugzeuge entladen. Die Passagiere dürfen nur ihr Handgepäck mitnehmen. Das gecheckte Gepäck verbleibt in den Bäuchen der Flieger. Am Flughafen wird eine Grenzstation eingerichtet. Jeder Ankommende erhält einen Stempel in den Pass und wird mit den Worten „Willkommen in Kanada“ begrüßt – auch wenn das endgültige Ziel vielleicht New York, Washington, Houston oder Denver war. Bis das letzte Flugzeug geräumt ist, vergeht eine ganze Weile. Bis zu 16 Stunden müssen einige Fluggäste darauf warten, bis sie aussteigen dürfen. Die ‚Evakuierung‘ erfolgt nach dem Prinzip „wer zuerst angekommen ist, darf zuerst aussteigen“. Nicht alle Crews informierten die Passagiere über das Ausmaß der Katastrophe in New York und Washington DC. Selbst im Airportgebäude von Gander wurden die Monitore mit Fernsehnachrichten abgedreht, um Panik zu verhindern.

Gelbe Schulbusse bringen die Passagiere in Notunterkünfte – zumeist in Schulen oder in Versammlungssälen  anderer öffentlicher Gebäude. Einige müssen sogar in den umliegenden Ortschaften Lewisporte und Gambo untergebracht werden, weil kein Platz mehr vorhanden ist. Jeder erhält dort gratis Verpflegung, Hygieneartikel und Decken. In der städtischen Bibliothek werden Computer und Telefone gratis zur Verfügung gestellt. Jeder kann seine Angehörigen informieren. Die Großzügigkeit der Neufundländer geht sogar so weit, dass die unerwarteten Gäste im Supermarkt alles kostenfrei bekommen. Die Hotelzimmer sind für die Crews reserviert, denn sie haben weiter Bereitschaftsdienst. Niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass der US-Luftraum fast eine ganze Woche lang gesperrt bleiben wird. Seit dem Ende des 2. Weltkrieges gab es das nicht.

Neufundland und die Akte der Liebenswürdigkeit werden zu einem Film

Die Neufundländer sind herzliche und gastfreundliche Menschen, die für ihre „Spontan-Gäste“ alles Erdenkliche taten. Viele berichten davon, dass sie von Privatpersonen zum Fischen oder Jagen eingeladen wurden oder dass man ihnen spontan eine warme Dusche angeboten hat. Einige der rund 8.000 Passagiere waren in großer Sorge über das Schicksal ihrer eigenen Angehörigen, denn manche konnten keinen Kontakt herstellen. Es gab unzählige Geschichten und Schicksale.

Viele von Euch werden sich jetzt fragen, warum ich das heute in meinen Blog stelle. Es gibt eine Antwort darauf – und diese ist hier:

Als ich diese Gander-Geschichte gehört habe, kontaktierte ich meinen lieben Freund, den Filmemacher Werner Boote, und schlug ihm vor, darüber einen Film zu drehen. Werner, der sehr viele Leute kennt, kam die Geschichte irgendwie bekannt vor – und er meinte einen gestrandeten Passagier von Gander zu kennen. Und tatsächlich irrte er sich nicht: Andreas und Johannes waren am 11. September 2001 von Wien aus via Frankfurt Richtung New York unterwegs.

Mit der Kamera begleiteten wir die beiden zehn Jahre nach den Geschehnissen auf den Weg von Wien (diesmal via London) direkt nach Gander. Das Filmprojekt wurde Wirklichkeit. Doch das war nur ein Teil, denn ich konnte weitere wichtige Protagonisten in den USA ausfindig machen: Diane und Nick Marson, die sich als Gestrandete ineinander verliebten und ein Jahr nach Gander heirateten und das Ehepaar O’Rourke aus New York, die ihren Sohn beim Einsturz des World Trade Centers verloren hatten und ebenfalls in Gander waren.

TV-Dokumentation „Gestrandet bei Freunden“

Mit dem Filmteam reisten wir Anfang September 2011 ein zweites Mal nach Neufundland. Regie und Kamera waren zuerst in New York und flogen dann weiter nach Houston, wo sie Diana und Nick trafen und anschließend gemeinsam nach Gander kamen, wo ich bereits wartete. Am zehnten Jahrestag wurde in der Eishalle von Gander ein Memorial –Breakfast veranstaltet, bei dem die angereisten, ehemaligen gestrandeten Passagiere den Einheimischen Frühstück servierten. Am Nachmittag gab es eine große offizielle Feier mit Kinderchor und verschiedenen Politikern. Wir brachten Nick und Diane in die Gemeinde, in der sie untergebracht waren, trafen ihre Freunde von dort und unternahmen gemeinsam einen Auflug nach Twillingate, wo wir Eisberge und Wale sahen. Nach vielen Interviews und Treffen mit allen möglichen Protagonisten, kehrten wir mit unwahrschenilich viel Filmmaterial nach Hause zurück.

Filmcrew

Die Crew (v.L n.R.): Werner Boote, Wolfgang Weitlaner, Veronika Hraby, Dominik Spritzendorfer, Mario Hötschl

An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei all jenen bedanken, die diesen Film möglich gemacht haben – das ist zunächst einmal die Crew mit Werner Boote , Dominik, Mario und Veronika. Ganz habe ich mein Versprechen, ein Buch darüber zu schreiben, nicht wahr gemacht. Dennoch hat mich die Arbeit an diesem Film persönlich sehr berührt. Das größte Dankeschön geht an die unglaublich lieben und hilfsbereiten Menschen auf dieser Insel Neufundland. Eigentlich gibt es gar nicht genug Dank dafür, was ihr geleistet habt.

pressetext berichtete über den Film: http://www.pressetext.com/news/20120901003

Zum zehnten Jahrestag von 9/11 habe ich in der Wiener Zeitung einen Artikel über die Ereignisse in Gander geschrieben: Gander-Wiener Zeitung-Extra






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