Montag , 22 April 2019
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Am Anfang war der Fluss: Eco-Tourismus in Kerala, Indien


Gopi wollte die Asche seines Vaters zum River Nila bringen. Doch dort wo sich einst der breite Strom seinen Weg durch die üppig bewachsenen Haine bahnte, war nichts weiter zu sehen als ein klägliches Rinnsal. „Ich habe mich gefragt, was mit diesem Fluss wohl geschehen sein mag“, meint Gopi. Auf der Suche nach den Ursachen – gemeinsam mit Biologen und Ökologen – konnte man feststellen, dass der Abbau von Sand einer der Hauptursachen für das Verschwinden des Wassers war. „Da muss dringend etwas dagegen unternommen werden.“ Aus diesem Grund hat er die River Nila Foundation gegründet.

Der River Nila ist mit seinen rund 250 Kilometern Länge der längste Fluss des Staates Kerala. Hier im Süden Indiens ist die Landschaft das ganze Jahr über üppig grün. Die vielfältige tropische Vegetation lässt Obst, Gemüse und auch Reis wunderbar gedeihen. Das ist ein Grund dafür, dass es den rund 31 Mio. Keralaern finanziell deutlich besser geht als ihren Landleuten im Norden. Doch die Bevölkerung am Land hat dennoch mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Viele finden nur während der Ernte als Helfer Beschäftigung. Zudem sind viele der dörflichen Traditionen, die über Jahrhunderte hinweg gepflegt wurden, in Vergessenheit geraten.

River Nila

River Nila

Tourismus zur Armutsbekämpfung

Fremdenverkehr als Armutsbekämpfer ist ein Schlagwort, das vor allem Kritikern die Schweißperlen auf die Stirn treibt. Große Hotelburgen internationaler Ketten, die meist das gesamte Personal aus dem Ausland rekrutieren und die Einheimischen nur für niedrige Dienste anheuern, machen den Großteil aus. Am großen Geschäft Tourismus verdienen zumeist nur die ausländischen Manager, der Nutzen für die lokale Bevölkerung bleibt marginal. Für Gopi war eine solche Vorstellung undenkbar. „Es geht schließlich darum, eine Alternative zum Sandabbau im Fluss zu finden – also etwas zu schaffen, bei dem die lokale Bevölkerung Geld verdienen kann.“ Vor vier Jahren hat Gopi mit einigen Mitstreitern das Unternehmen The Blue Yonder gegründet. 20 Prozent des Gewinns von The Blue Yonder geht an die River Nila Foundation. „Wie waren von der Idee begeistert, etwas zu bewegen“, erzählt Gopi, der nach seinem Hochschulstudium in Großbritannien als Softwareentwickler tätig war. Der Erfolg des Unternehmens stellte sich rasch ein – 2006 erhielt The Blue Yonder den First Choice Responsible Tourism Award bei der WTM in London, ein Jahr später kürte das renommierte Condé Nast Traveler Magazin das Unternehmen mit einem World Savers Award.

 

Was The Blue Yonder auszeichnet ist im Prinzip ganz einfach auf den Punkt zu bringen: Das Miteinander von Reisenden und der lokalen Bevölkerung. „Es geht um Menschen, ihre Kultur und um ihre Umwelt und darum, Reisenden genau dies näher zu bringen.“ Im Prinzip sei das eine Win-Win-Situation für beide – allerdings nur dann wenn es auch tatsächlich zu einer lokalen Wertschöpfung kommen kann. Glaubt man Befragungen internationaler Meinungsforscher, so reicht für den perfekten Urlaub der verwöhnten Mitteleuropäer schon lang nicht mehr nur die perfekte Kulisse. Der moderne Reisende will eintauchen in das tägliche Leben. Er will das Land und seine Leute kennen lernen, lokale Speisen kosten, ohne dabei auf den Komfort zu verzichten.

Backwaters

In den Backwaters von Kerala

Backwaters

Highlight von Kerala: Auflug auf dem Fluß

Kerala ist ein Land außerordentlicher Schönheit: An der Küste gibt es palmengesäumte Sandstrände, im Landesinneren ein Netz von Flüssen und Kanälen, Reisfeldern und Bambusplantagen und im Norden – in den Höhen der Western Ghats – üppige und dichte Wälder mit zahlreichen seltenen Tier- und Pflanzenarten. Hier gibt es noch wildlebende Elefanten, endemische Affen und sogar noch Tiger. Bisher hat sich Tourismus in Kerala zumeist nur an der langen Westküste zum Arabischen Meer hin, etabliert. Bootsfahrten durch die unzähligen Wasserwege auf den Backwaters. Dabei hat „Gods Own Country“ viel mehr zu bieten als das: Kerala ist eine Wiege der Ayurvedischen Behandlungen und zahlreiche historische Landhäuser und Homestays wurden in liebevoller Kleinarbeit restauriert und können europäischen Standard mithalten. „Wir bringen unsere Gäste zu unseren Menschen“, erzählt Gopi. An einem Tag besucht man mit The Blue Yonder die Masters in Kalamandalam – der berühmtesten und renommiertesten Schule für Performing Arts in Kerala. Hier wird die Kunstform Kathakali – eine dramatische Darstellung aus Schauspielkunst und Musik, die bereits im 17. Jahrhundert entstand – gelehrt. Schon die kleinen Jungen und Mädchen werden in der Internatsschule mit Musik und Tanz vertraut gemacht.

Musiker Indien

Am Musical Trail

Unter dem Namen „Musical Trail“ führt The Blue Yonder zu den der untersten Kaste angehörenden Musikern der Stämme am Ufer des Nila. „Die Musiker dürfen aufgrund ihrer niedrigen Kaste nicht in den Tempeln auftreten. Bisher haben sie sich ihr Zubrot mit Wäschewaschen oder anderen Hilfsarbeiten verdient“, erzählt Gopi. „Das Alternativ-Programm hat nun neue Perspektiven eröffnet.“

Fluss Kerala

Lebensader Wasser

Innerhalb kurzer Zeit ist The Blue Yonder in ganz Kerala tätig geworden. Immer breiter ist das Angebot, immer mehr lokale Initiativen haben sich angemeldet, dabei mitmachen zu wollen. Besuche bei Tänzern, Musikern, Tontöpfern und Glockenschmiedern gehören inzwischen ebenso zum Programm wie die ökologische Gewürz-Farm in Tirunawaya und der neu angelegte „Traveller Forest“, bei dem als Kompensation zum verbrauchten CO2 ein Baum gepflanzt werden kann. „Mit dem Traveller Forest wollen wir ein Gebiet, das bisher nicht bepflanzt war wieder aufforsten. In der lokalen Schule wird den Kindern beigebracht, wie wichtig eine gesunde Umwelt ist.“

Baumpflanzen

Wiederaufforsten eines Waldes

In der Zwischenzeit hat Gopi, der in Großbritannien Computertechnologie studiert hat, einige Mitstreiter für sich gewinnen können – so auch pensionierte Architekten und Geschäftsleute, die hierher gezogen sind, um sich der Sache anzunehmen.“ Ein mittlerweile befreundeter Partner, der ein traditionelles Haus gekauft hat und eine Gewürzplantage nach ökologischen Richtlinien gepflanzt hat, berichtet über seinen Erfolg: „Ich hatte keine Ahnung davon, wie das geht und habe viel nachlesen müssen. In der Zwischenzeit haben aber auch die Nachbarn von uns gelernt und machen das auch in ihren Gärten.“ Die Gewürzplantagen sind, wenn man nicht genau hinsieht, nicht als solche zu erkennen. „Ein Geheimnis dieser Art von Pflanzungen besteht darin, den Besatz nicht zu eng zu halten und vor allem einen Teil gänzlich der Natur zu überlassen.“

Kerala people

Leben am Fluß

Ebenso üppig wie die Landschaft ist auch die Küche Keralas – duftend würzige Gemüsecurrys mit Ingwer und Kokos. „Wir essen sehr viel Gemüse“, erklärt Gopi, der seinen ausländischen Gästen auch die traditionelle Kulinarik nicht vorenthält. Gegessen wird am Boden, ohne Besteck und direkt vom Bananenblatt. Dabei herrscht übrigens ziemlich strenge Ordnung. Insgesamt verteilen sich um den Reis und einen Schöpflöffel suppenähnlichem Curry in der Mitte des Blattes mindestens zwölf kleine Häufchen verschiedener anderer Köstlichkeiten. Getrocknete Bananen, Kraut, Kokoscremen, säuerliche Pasten, Chutneys, eine Chili und andere Gaumenkitzler. Wenn alle Anwesenden das Blatt vollständig haben, darf man sich mit dem für Europäer ungewöhnlichen Fingerfood plagen. Die Verwendung der linken Hand ist zwar verpönt, aber bei Europäern ist man nicht so streng. Das ungeschickte Verhalten der Österreicher sorgt jedenfalls für Gelächter.

Indisches essen

„Am Ende einer zehntägigen Tour durch Kerala, fühlen die Menschen anders“, weiß Gopi. Längst schätzt man den obligaten Busstopp, an dem der picksüße indische Tee mit Milch und Kardamom – der Cay – und köstliche Roti-Teigfladen auf der heißen gußeisernen Platte gefertigt werden. „Jeder sieht und spürt es am eigenen Leib, das man viel viel mehr vom Geist des Landes eingefangen hat, als in einem All-Inclusive Club. Das beruht auf Gegenseitigkeit“, meint Gopi lächelnd. „Ich weiß nicht, ob wir mit der Nila Foundation je den Fluss werden retten können, denn da gibt es so viele Akteure. Ich weiß allerdings, dass diese Art des Reisens einen Fußabdruck hinterlässt, der viel bewirkt.“ Der Abschied fällt schwer, denn die Emotion hat einem mit „Gods Own Country“ sehr stark verbunden.

Indisches Kind

 

 






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