Montag , 17 Juni 2019
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Antarctica 2016/17: Mein Leben an Bord der Midnatsol (2. Teil)


Antarktis: Ich bin wieder da!

Die Vorfreude auf die erste Antarktis-Anlandung war groß. In der letzten Abendbesprechung mit dem Team war klar, dass wir am nächsten Morgen schon sehr früh in Half Moon Island sein würden. Die Nacht war ruhig und ich war jetzt froh, dass meine ‚Schuhschachtel’ kein Fenster hatte – denn so wurde sie zu meiner persönlichen Höhle, in der ich ungestört schlafen konnte – ohne von außen gestört zu werden.

Ausserdem wird es dann ab dem 60. Breitengrad in den Sommernächten kaum mehr dunkel. Mein Rückzugsgebiet war Tag und Nacht dunkel, wenn man die elektrische Beleuchtung nicht anknipste. Darum musste ich mich also nicht kümmern.

Die Midnatsol im Eis

In Vorbereitung auf unsere erste Antarktis-Anlandung waren wir, vom Expeditionsteam, schwer eingesetzt: wir hatten an unsere Passagiere gefütterte Stiefel verteilt (die Anprobe war ein großes Spektakel – man muss sich das so vorstellen, dass 375 Paar Stiefel ausgegeben werden mussten) und wir haben aufgrund der Biosicherheits-Verordnung Jacken, Hosen und Rucksäcke aller Gäste inspiziert und staubgesaugt (um zu verhindern, dass irgendwelche fremden Partikel in die Antarktis gebracht werden).

Logistisches Masterpiece: Eine Anlandung

Das Expeditionteam vor der Anlandung – mit dem ganzen Gepäck. (Foto: Camille Seaman)

Ich hatte als mitreisender Journalist (2014/15) keine Ahnung davon, wie groß der Aufwand einer Anlandung eigentlich ist: Um die Sicherheit der Gäste zu garantieren, mussten wir jedes Mal an die 500 kg Notfalls-Equipment vom Tenderpit ins Beiboot hieven und dann von dort an Land. Wasser, Energienahrung, aufblasbare Notfallsliegen, zusammengelegte Zelte für den Fall, dass die Verbindung zum Mutterschiff unterbrochen wird und wir länger an Land bleiben müssen als geplant. Das war die Standard-Ausrüstung, um allen Eventualitäten entgegenzuwirken.

Jeder Landgang ist penibel geplant – jedes Expeditionsmitglied ist über die Location genau informiert. Unser Expedition-Leader erklärte uns schon am Vorabend die Pläne. Allerdings kann das erst dann umgesetzt werden, wenn man sich am frühen Morgen beim ersten Landgang ein Bild über die tatsächlichen Bedingungen wie etwa der Eis-Situation oder den Gezeiten gemacht hat.

Die Antarktis ist gefährlich, denn das Wetter kann sich schnell ändern. Abbrechende Gletscher können kleine (oder auch größere) Tsunamis auslösen. Daher waren wir über Funk immer miteinander in Kontakt. Ein Teil unserer Aufgabe war auch, den Passagieren Sicherheit zu vermitteln. Dennoch wurden die Gäste auch auf das Unvorhergesehene vorbereitet.

Ein kurzer Film der IAATO – so heißt die Organisation der Tour-Operators in der Antarktis – hat die Passagiere darüber aufgeklärt – insbesondere auch darüber, sich an die ausgesteckten Wege zu halten (die wir unmittelbar nach der Landung mit roten Fähnchen markierten).

Ich auf Deception Island – das Wetter war schlecht: stürmisch und kalt (Foto: Binbin)

Frische Luft und lange Tage

Inspektion knapp nach der Anlandung. Das Notfalls-Equipment ist schon an Land. (Foto: Camille Seaman)

Das Expeditionsteam geht als erstes an Land – und als letztes von Land. Das bedeutet: lange Stehzeiten. Obwohl es nie kälter war als + 0,5 Grad Celsius, machte sich die Knochenkälte nach fünf oder sechs Stunden dennoch bemerkbar. Ich mochte es daher lieber, wenn ich zu Aktivitäten eingeteilt wurde, als bloß an einer einzigen Stelle verharren zu müssen (war bei den Pinguin-Kolonien allerdings mehrmals erforderlich).

Schneeschuh-Wanderungen waren umwerfend. Unser Co-Leader hatte als echter Spitzbergener jahrelange Erfahrung – und war ein genialer Guide. Einmal hatte ich das Pech Schlußlicht sein zu müssen und mich um jene zu kümmern, die die Steigung kaum schafften. Das war hartes Brot. Besser gefiel mir die Rolle in der Mitte zu laufen, denn da galt es den Abstand zu den Vordermännern konstant zu halten. Unvorhergesehenes passierte sehr oft – etwa als der Leiter von einem grantigen Skua (Raubmöwe) attackiert wurde und wir die Route ändern mussten, um dem aggressiven Vogel auszuweichen.

Aufgabe des Expeditionsteams ist es auch dafür Sorge zu tragen, dass die Gäste den Sicherheitsabstand zu den Pinguinen einhalten – denn allzu gern hatten sich Hobby-Fotografen nicht an die Markierungen oder Fähnchen gehalten. Kein Wunder, die possierlichen Tierchen laden ja förmlich zum Knuddeln ein. Allerdings hält sich das Interesse der Pinguine am Homo sapiens sehr in Grenzen, denn es kommt nur sehr selten vor, dass ein ‚Frackträger’ sich neugierig an einen von uns heran machte.

IAATO-Regulierungen für Team und Besucher

Hilfe! Touristen kommen!!! Um die Hilferufe zu vermeiden, halten unsere Passagiere Abstand – und dafür sorgt das Expeditionsteam

Wie schon zuvor erwähnt, gibt es eine Organisation, die ein Regelwerk für Veranstalter wie auch Touristen in der Antarktis erstellt hat. Das Konvolut der IAATO-Regeln übertrifft längenmäßig den Antarktis-Vertrag um ein Vielfaches. In diesem sind nicht nur Verhaltensmaßnahmen gegenüber sämtlichen Wildtieren – wie Pinguinen, Seehunden, Robben und Walen – geregelt, sondern auch Landeinformationen aller Plätze, die Schiffe und Boote anlaufen können.

Dabei ist vermerkt, ob es „Free-Roaming-Areas“ gibt, wie viele Menschen maximal an Land sein dürfen und welche Sehenswürdigkeiten (das bezieht sich immer auf historische Stationen bzw. Schutzhütten oder gestrandete alte Walfangschiffe) es hier gibt. Ferner sind auch allfällige Gefahrenzonen wie Gletscherspalten oder Abbrüche gelistet (die Informationen werden laufend auf den aktuellen Stand gebracht).

Zu den wichtigsten Grundregeln in der gesamten Antarktis (südlich des 60. Breitengrades) gehört auch, dass man hier keine Lebensmittel an Land nehmen darf – sowie nichts vom Land wegnehmen darf (keine Steine, keine Federn, Knochen….). Souvenirjäger kommen hier also nicht auf ihre Rechnung. Es ist auch strengstens untersagt, seine Notdurft an Land zu verrichten.

Jeder im Expeditionsteam musste vor dem ersten Landgang eine IAATO-Prüfung ablegen. Dazu mussten wir aus einem Katalog von 100 zum Teil sehr gefinkelt formulierten Fragen mindestens 80 richtig beantworten. Der Test erfolgte online über die Homepage der IAATO und war zeitlich nicht limitiert. Man durfte das insgesamt 1.900 Seiten umfassende Regelwerk zum Nachschlagen verwenden. Sehr klug übrigens, denn es geht in erster Linie darum, zu wissen, wo man die notwendigen Informationen findet.

Jeder, der die Prüfung bestanden hatte, bekam ein pdf-Zertifikat, das an den Crew-Purser weitergeleitet wurde. Somit war man zugelassen. Da ich meinen Test, den ich in Wien zwischen Kofferpacken und 10.000 anderen Sachen machte, nicht bestand (70 von 100 Fragen richtig geraten), musste ich ihn am Schiff nachholen. Das hat mir den Schlaf einer Nacht gekostet, dafür hatte ich 95% richtige Antworten – und den Handshake meines Expeditionsleiters unmittelbar nach der bestandenen Prüfung.

Damoy Point

Damoy-Point – mein Standplatz. Mein Mentor Rudolfo hat mich dorthin platziert

Fast alles im grünen Bereich

Rudolfo am Damoy Point – das Wetter war unglaublich

Wenn mich manche Gäste der Weihnachts-Neujahrsfahrt hinterher fragten, wie denn die Reise generell zu beurteilen war, muss ich ehrlich sagen, dass dies die wahrscheinlich strahlendste Fahrt in der Geschichte des Unternehmens war. Nicht nur, dass wir auf Kap Hoorn landen konnten, herrschte in der Antarktis jeden Tag strahlender Sonnenschein und es war richtig warm. Die Buckelwale in Wilhemina Bay waren so zahlreich, dass man hätte glauben können, wir hätten die extra bestellt.

Wilhemina Bay: umgeben von Buckelwalen

Leider ging es mir körperlich nicht gut. Meine Verkühlung war hartnäckig und die körperlichen Anstrengungen führten nicht zu einer schnelleren Genesung, sondern zu einer noch längeren Erkältung mit grauenhaftem Husten. Der strahlende Sonnenschein hat die Hälfte unserer Crew im wahrsten Sinn des Wortes verbrannt. Ich hatte einen schmerzhaften Sonnenbrand auf den Lippen (sehr zum Gaudium meiner Kollegen, die meine sexy Unterlippe fotografisch festhielten und sich köstlich darüber amüsierten).

Silvester war eine Katastrophe, weil ich total fertig war und dennoch heitere Laune zeigen musste. Zwei Tage später hatte ich erhöhte Temperatur und fühlte mich wie durch den Fleischwolf gedreht. Aber es waren lange Arbeitstage mit vielen Aufgaben – und ich habe nicht nachgegeben.

Port Lockroy – British Antarctic tTerritory (Penguin Postoffice) vom Damoy Hügel aus

Das Meer zeigte sich allerdings von seiner ruhigsten Seite und die letzte Anlandung in Yankee Harbour war ein weiterer Höhepunkt der Fahrt (und blieb auch die einzige Anlandung an diesem großartigen Platz). Selbst der Weg zu den Falkland Inseln war extrem sanft – fast wie eine Seefahrt am Wörthersee. Mehr als einmal ‚beschwerten’ sich Gäste, die das Schaukeln vermissten („Warum kann es nicht einmal ein bisschen einen Wellengang geben?“).

Die Midnatsol am ‚Trockenen‘ (Yankee Harbour)

Auf den Falklands war ich kurz gesund, ehe mich die Verkühlung am letzten Tag auf Carcass-Island noch einmal richtig flach machte. Am Seetag Richtung Punta Arenas konnte ich mich dann erholen – und noch eine Portion Mittagsschlaf einlegen. Und das tat ich auch. Wir waren alle irgendwie geschafft (inkl. der Passagiere – kam mir vor).

Und jeder nutzte den letzten Tag noch zum Ausruhen. Mittlerweile waren auch viele Passagiere stark erkältet, hatten Fieber, Halsweh und Husten. Das Ende der Reise war trotzdem fulminant – und die Expeditioncrew bekam vom Chef drei große Bleche Pizza und eine exklusiven Videoabend mit Cola, Ginger Ale und Fanta geschenkt – dann waren wir für die Foto-Session auch fit. (Fortsetzung folgt).

Abschlussbild vor dem Ende der ersten Fahrt. (Foto: Camille Seaman)

Der erste Teil der Reise befindet sich hier: http://www.amliebstenreisen.at/antarctica-201617-mein-leben-an-bord-der-midnatsol/

Link zur offiziellen Page meiner ersten HURTIGRUTEN Fahrt: MIDNATSOL REISE 21.12.2016

 

 

 






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